Kilian Kienast - Mein soziales Jahr in Indien

#9 - Das neue Normal

6 min Spenden

Kurz nach Mitternacht schaukelt die Hängematte im Rhythmus meines Atems. Über mir ziehen Fledermäuse ihre Kreise, irgendwo unter mir raschelt eine Ratte durchs trockene Palmlaub. Eine Etage tiefer steht mein Ventilator still, seit Stunden schon. Wasser gibt es auch keins mehr, seit dem frühen Morgen nicht. Ich habe aufgegeben, drinnen zu schlafen. Zu heiß, zu stickig, und drinnen kommen die Mücken näher als hier oben im Wind. Also: Matratze liegen lassen, Hängematte holen, aufs Dach.

Schlafen am Dach
Schlafen am Dach

So oder so ähnlich sahen viele meiner Nächte in diesem Sommer aus. Die Trockenzeit hat ihre eigene, stille Großzügigkeit entwickelt, die ich erst nach und nach zu schätzen gelernt habe. Seit einem halben Jahr bin ich nicht mehr krank gewesen. Ich laufe die meiste Zeit barfuß, ohne lange darüber nachzudenken, was ich morgens anziehen soll, denn es ist ohnehin jeden Tag zu warm, nie zu kalt. Das Wetter braucht keine Vorhersage, es ist jeden Tag fast dasselbe, verlässlicher als jeder Wetterbericht daheim. Wäsche, die ich morgens wasche, hängt nach ein, zwei Stunden schon trocken auf der Leine. Und Regen? Den habe ich seit dem Ende des letzten Monsuns insgesamt nur an einer Handvoll Tage überhaupt gesehen.

Dafür kletterte das Thermometer in diesen Wochen regelmäßig auf vierzig Grad, an manchen Tagen sogar auf zweiundvierzig. Vierzig Grad kommt den meisten in Deutschland von der Hitzewelle vor ein paar Wochen wahrscheinlich noch bekannt vor. Nur dass es hier zwischen Ende März und Anfang Juni kein einzelnes Extremereignis war, über das man tagelang gesprochen hat, sondern schlicht der Alltag, Monat für Monat. Der Wasserspeicher, ein Brunnen im Garten, wird in diesen Wochen fast täglich leer und muss von einem Lastwagen aufgefüllt werden. Einmal war das Wasser für zwei volle Tage komplett weg, kein einziger Tropfen aus keinem Hahn im ganzen Haus. Der längste Stromausfall des Jahres dauerte fünf Tage.

Ausgetrockneter Boden im Center
Ausgetrockneter Boden im Center

Was es bedeutet, wenn beides gleichzeitig ausfällt, Strom und Wasser, lässt sich kaum in Worte fassen, ohne es gerochen zu haben: die Toilette, die sich nach Stunden ohne Spülung bemerkbar macht, die Hitze im Zimmer, die sich staut wie in einem geschlossenen Auto, und die Erkenntnis, dass eine kalte Dusche gerade die größte Erleichterung des Tages gewesen wäre, wenn es denn Wasser dafür gäbe.

Ich habe in diesem Jahr gelernt, wie ein Inder zu leben, zumindest was die Hitze angeht. Die heißesten Stunden verbringe ich konsequent drinnen, genau wie alle um mich herum. Nur einmal habe ich die Regel gebrochen, zwei Stunden im Wasserpark statt im Schatten, und genau an diesem einen Tag habe ich mir den einzigen Sonnenbrand des ganzen Jahres geholt. Was ich mir inzwischen angewöhnt habe, ganz automatisch: Sobald der Strom da ist, lade ich alle Powerbanks, die ich finden kann. Sobald Wasser kommt, fülle ich Eimer, so viele ich tragen kann, für die Dusche, für das Waschen der Kleider, für die nächsten Stunden oder Tage ohne. Man kämpft nicht gegen die Unzuverlässigkeit an. Man organisiert das eigene Leben einfach klug um sie herum.

Wasser und Strom waren in diesen Monaten aber nicht die einzigen Dinge, die plötzlich knapp wurden. Als die USA und Israel den Iran angriffen, spürten wir die Folgen hier ziemlich direkt. Innerhalb weniger Tage schossen die Gaspreise in die Höhe, und das Kochgas, mit dem hier eigentlich jede Mahlzeit zubereitet wird, wurde für Maher plötzlich unbezahlbar. Diskutiert wurde darüber kaum. Am nächsten Morgen schon standen im Hof Steine im Halbkreis aufgestapelt, Feuerholz darunter, der Topf obendrauf. So wird seitdem das Dal gekocht, auf offenem Feuer, wie vor hundert Jahren, weil es eben geht.

Kochen am Feuer
Kochen am Feuer

Und dann, von einem Tag auf den anderen, kippt das ganze System. Nach Monaten ohne nennenswerten Regen ist der Boden hier so hart und ausgedörrt, dass er kaum noch Wasser aufnehmen kann. Wir wollten ins Kino, Christopher Nolans neuen Film „Die Odyssee” sehen, in einem Kino am anderen Ende der Stadt, kaum mehr als vierunddreißig Kilometer entfernt, normalerweise eine gute Stunde Fahrt. Um Punkt fünf Uhr sind wir losgefahren, mit ausreichend Puffer, wie es sich für Deutsche gehört. Doch es regnete, wie es hier eben regnet, wenn der Monsun einmal in Fahrt ist, nicht in Schauern, sondern als geschlossene Wand. Nach fünf Minuten standen wir im ersten Stau. Nach einer Stunde waren wir keine fünf Kilometer weit gekommen. Die Rikscha bahnte sich ihren Weg durch tiefe Pfützen, die keine Pfützen mehr waren, sondern Ströme, die quer über die Straße liefen, während ringsum der komplette Verkehr zum Stillstand kam. Aus der einen Stunde wurden drei und wir verpassten die erste halbe Stunde des Films. Unsere Fahrt war an diesem Abend fast passender zum Filmtitel, als ich es mir hätte ausdenken können.

Aber mit dem Regen kommt auch etwas anderes zurück: Innerhalb weniger Tage explodiert die Natur regelrecht. Die staubigen, ausgedörrten Hügel werden intensiv grün, aus dem Nichts entstehen kleine Wasserfälle an Hängen, die vorher komplett trocken waren, es riecht nach nasser Erde, und die Luft liegt schwer und feucht über allem. Mit der Feuchtigkeit kommen dann auch die Mücken zurück, gegen die ich abends mit einer elektrischen Fliegenklatsche einen kleinen privaten Feldzug führe, zwanzig, dreißig Treffer pro Abend, jeder begleitet von einem kleinen Blitz und einem befriedigenden Knistern. Die Jungs haben eine andere Lösung gefunden: Sie sammeln trockene Büsche, zünden sie an und lassen den Rauch durchs Zimmer ziehen, bis die Mücken verschwinden. Es brennt in den Augen, aber es funktioniert.

Der Monsun kam dieses Jahr fast einen Monat später als sonst, sagen mir hier mehrere Leute. Niemand macht daraus ein großes Ereignis, aber wenn ich an die Wochen zurückdenke, in denen wir auf den ersten Regen gewartet haben, während der Brunnen leer blieb und die Hängematte mein Bett ersetzte, dann bleibt diese eine Bemerkung irgendwie hängen.

Natur rund um Pune
Natur rund um Pune

Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Erde, und in den vergangenen Jahrzehnten hat sich für viele Millionen Menschen hier das Leben spürbar verbessert. Trotzdem hat noch immer nicht jeder gesicherten Zugang zu sauberem Wasser oder verlässlichem Strom, das habe ich in den vergangenen Monaten am eigenen Leib erlebt. Und während Indien pro Kopf deutlich weniger zum Klimawandel beiträgt als Deutschland, sind es Länder wie dieses, die seine Folgen zuerst und am härtesten spüren. Nur etwa jeder zehnte Haushalt hier besitzt überhaupt eine Klimaanlage.

Was mir dabei trotzdem Hoffnung macht, so seltsam das vielleicht klingt, ist genau diese Anpassungsfähigkeit, die ich hier jeden Tag beobachte. Wie schnell aus Gasherden Feuerstellen werden. Wie selbstverständlich man den Tagesablauf um die Sonne herum plant, statt gegen sie anzukämpfen. Wie man Eimer füllt, sobald das Wasser kommt. Es wirkt nicht wie Verzicht, es wirkt wie Selbstverständlichkeit. Vielleicht ist genau das die Fähigkeit, die uns in den kommenden Jahrzehnten noch mehr abverlangt werden wird, ob wir wollen oder nicht.

Auch das Center war überschwemmt
Auch das Center war überschwemmt

Und trotzdem lässt mich das nicht ganz in Ruhe: Ich werde in ein paar Tagen selbst wieder in ein Flugzeug steigen, neun Stunden Richtung Deutschland, daran kann ich wenig ändern. Aber ich habe in diesem Jahr gemerkt, dass man auch tagelange Strecken mit dem Zug oder Bus zurücklegen kann, statt zu fliegen. Innerhalb dieses Jahres bin ich kein einziges Mal geflogen, manchmal saß ich dafür fast sechzig Stunden am Stück im Zug. Und wenn ich sehe, wie wenig Besitz die meisten Menschen hier tatsächlich zum Leben brauchen, frage ich mich schon, ob bei uns wirklich die Welt untergehen würde, wenn statt zwei Autos vielleicht nur eines in der Garage stünde. Ich fürchte, eher das Gegenteil ist wahr.

Ich sitze wieder auf dem Dach, diesmal nicht in der Hängematte, sondern unter dem kleinen Blechvordach, das kaum breit genug ist, um trocken zu bleiben. Seit der Monsun angefangen hat, regnet es fast jeden Tag, die Nächte sind kühler als noch vor Wochen. Bald werde ich zum letzten Mal hier sitzen und ich weiß schon jetzt, dass ich es vermissen werde.

Monsun-Verkehr
Monsun-Verkehr
Wiese vor dem Center
Wiese vor dem Center
Esel im Monsun
Esel im Monsun
Überschwemmte Innenstadt
Überschwemmte Innenstadt

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